Die Geschichte von der fremden Frau im Spiegel, EIGEN-ART-GESCHICHTEN, KUNTERBUNTE THEMEN, Persönliches

Die Geschichte von der fremden Frau im Spiegel

und wie sie ihr ursprüngliches Gesicht WIEDER schön FINDET

 

Es ist ein Morgen wie jeder andere auch. Sie steht kurz nach dem Aufwachen auf und geht ins Bad. Sie wirft einen Blick in den Spiegel und erschrickt, weil sie sich nicht wiederfindet. Sie sieht völlig anders aus. Sie ist eine ganz andere Person. Das kann doch gar nicht sein! Wie lange sehe ich schon so aus? Warum sieht das denn niemand? Das darf doch alles nicht wahr sein! Das ist doch ein Albtraum! Was ihr da entgegen blickt hat mit der Frau, die sie ist, nichts zu tun! Aber gar nichts! Sie blickt in „ihr Gesicht“, das aussieht, als wäre es aus gelbstichigem Wachs geformt. Einfach gruselig dieser Teint. Sie sieht aus wie eine lebende Tote. Das Haar hat die gleiche Farbe wie ihre Haut. Eine Art weiß-blond mit einem leichten Gelbton. Die Stirn ist unproportional hoch. Sie passt überhaupt nicht zum dem Rest der Gesichtsfläche. Die Haut sieht zerknittert, großporig und vernarbt aus und so, als wäre sie nach einem Unfall irgendwie zusammen geschnibbelt worden. Die Augen liegen tief und sind völlig ausdruckslos. Der Mund ist verkniffen. Ihr Anblick hat etwas zombiehaftes. Das muss doch jemand bemerkt haben, dass das nicht sie selbst ist! Sie gerät in Panik, schaut immer wieder in den Spiegel und versteht es nicht.

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Als sie den Menschen gegenüber steht, die sie kennen, scheint niemand ihre Veränderung zu bemerken. Sie müssen doch sehen, dass ich ein anderes Gesicht habe. Sie traut sich nicht in die Gesichter der anderen zu blicken und schaut runter. Sie ist verunsichert und irritiert. Sie weiß nicht, was da Unheimliches vonstatten geht. Plötzlich verhalten sich die Menschen ihrer Umgebung irgendwie komisch. Sie schauen sie seltsam an. Es ist doch etwas nicht in Ordnung mit mir? Ich bin das nicht! Habe ich mich verändert? „Nein!“ ist die Rückmeldung. „Was soll sich denn geändert haben?“ Ich sehe doch anders aus! „Nein, wie kommst du darauf?“ Je unsicherer sie sich verhält, desto merkwürdiger wird sie angeschaut. Was ist geschehen? Sagt mir doch, was ist bloß los? Ich bin ein Wachs gleiches Monster mit wachs-blonden Haaren! Wo ist mein Ich? Wo sind meine dunklen Haare, meine Augen, mein Mund…? Wer ist das da im Spiegel? Das bin ich nicht! Wo ist mein Gesicht?! „Was hast du bloß, es ist doch alles da“, meinen alle um sie herum. Aber das kann doch nicht sein. Ich sehe doch die Fratze im Spiegel. Ihr müsst sie doch sehen! Sie ist verzweifelt. Die anderen schauen sie jetzt merkwürdig an und sind verunsichert, aber sie scheinen nichts anderes zu sehen, als sie immer schon ist. Aber wer ist sie? Wenn doch alle mich komisch ansehen, warum sieht denn keiner meine Veränderung? Sie hat doch eine ganz andere Haarfarbe und ein völlig anderes Gesicht. Und jeder begegnet ihr plötzlich so seltsam. Also sehen sie doch ihre Veränderung? Ein Albtraum oder ist es Wirklichkeit? Je größer ihre Angst wird, dass die anderen auch das Monster erkennen, das ihr ausdruckslos aus dem Spiegel entgegen blickt, desto komischer wird sie angesehen, aber niemand  spricht sie darauf an. Man muss doch bemerken, dass ich plötzlich blond bin und eine Wachs bleiche Fratze habe. Aber nein, all sagen, sie würde aussehen wie immer. Aber je unsicherer sie sich verhält, desto unsicherer reagieren alle Menschen um sie herum.

Sie tritt zum Spiegel und betet inständig zum lieben Gott: Bitte, bitte mache, dass ich wieder so aussehe, wie ich bin. Ich bin doch hübsch. Ich habe doch schöne Augen und dunkles Haar. Ich möchte mein vertrautes Gesicht von früher wieder haben. Bitte, lieber Gott, hilf mir! Bitte gib mir mein Gesicht zurück! Lass das doch bitte nur ein Albtraum sein! Ein böser Streich, der nicht wirklich ist!

Und plötzlich verzerrt sich das Spiegelbild und beginnt zu wackeln. Das Haar verschwimmt von dem Blond langsam in einen dunklen Braunton. Die Augen verändern sich. Sie bemerkt ein kleines Strahlen. Die Haut bekommt wieder einen gesunden Ton. Der Mund beginnt zu lächeln. Aber alles ist nur zur Hälfte da und noch nicht vollständig wieder hergestellt. Und im gleichen Moment verwackelt das Bild, wie im Fernseher, wenn der Sender einen schlechten Empfang hat und das Bild schwankt plötzlich von einem Extrem in das andere und versucht immer wieder die schöne Frau herzustellen, die sie ist und ohne Zweifel dankbar erkennt. In diesem Moment der Hoffnung stabilisiert sich das Bild vor ihr. Sie sieht sich wieder in ihrem natürlichen Ursprung. Die Wachs bleiche Zombiefratze ist ganz verschwunden. Sie hat Tränen in den Augen und in ihr breitet sich eine wundervolle Wärme aus. Sie ist so voller Dankbarkeit und Liebe. Sie empfindet sogar eine Zärtlichkeit, die sie nie zuvor so intensiv für sich selbst gespürt hat, so sehr freut sie sich, wieder sie selbst sein zu dürfen, eine schöne Frau mit strahlenden Augen und dunklem Haar! Sie lächelt sich glücklich an und weiß plötzlich ganz sicher, dass sie nie wieder an sich zweifeln würde. Ihre Schlupflider und einiges mehr, was sie manches Mal nicht sehen wollte, das alles kommt ihr plötzlich so lächerlich vor. Wie konnte sie so lieblos sein, sich so undankbar betrachten und wahrnehmen. Sie musste erst als Monster durch das Leben gehen und wollte andere überzeugen, dass sie das doch gar nicht ist. Und je mehr sie sich so sah, desto unsicherer reagierten ihre Mitmenschen auf sie. Es war ein Albtraum. Aber jetzt hat sie ihr Gesicht zurück erlangt. Es kommt ihr wie eine Lehre vor. Es war ein böser Streich, der sie dazu bringen sollte, sich selbst wert zu schätzen. Deshalb bekam sie vorübergehend eine Fratze verpasst.

Sie möchte nie wieder so entstellt sein, nie wieder in den Spiegel schauen und einen Zombie sehen. Sie will nicht mehr an sich zweifeln! Sie ist so erleichtert, dass alles nur ein Albtraum war, denn ihr Gesicht hat sich nicht nur in seine natürliche Ursprünglichkeit zurück verwandelt, sondern sie wacht mit diesem unbeschreiblichen Gefühl der Dankbarkeit und Glückseligkeit auf.

Es war tatsächlich nur ein Albtraum! …

Und sie hat im wahren Leben immer öfter Freude daran, völlig ungeschminkt durch das Leben zu gehen!

Text © Sabina Boddem www.farben-reich.com

Bild © Monika Schweitzer www.grafikdesignbykiss.com

 

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EIGEN-ART-GESCHICHTEN, Kleine Farbengeschichte

Die kleine Farbengeschichte von Licht und Schatten

Licht und Schatten Licht und Schatten gerieten in einen heftigen Streit. „Mach, dass Du weg kommst, ich kann Deine Dunkelheit nicht ertragen!“ schrie das Licht. „Du kannst mich mal, mit Deinem ewigen Helligkeitswahn! Ich will meine Ruhe!“ fauchte der Schatten zurück.

So gab ein Wort das andere und die Zankerei nahm kein Ende. Da schlenderte die Traurigkeit daher, erblickte mit Erleichterung den Schatten, um sich ganz schnell in seine Dunkelheit zu verkriechen. Und bald darauf kam auch die Freude des Weges daher, sah das Licht und sprang mit einem großen Freudensprung in die Helligkeit.

Und mit der Zeit gesellten sich immer mehr Zustände und Gefühle in ihr entsprechendes Domizil, in denen sie sich wohl zu fühlen schienen. So kauerten bald darauf auch Angst, Hass, Wut, Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht und Ablehnung im Schatten beisammen und jammerten wild durcheinander. Sie wehklagen, beklagten, zweifelten, stritten und beschimpften sich.

Im Licht gesellten sich zur Freude, noch der Glaube, die Hoffnung, die Liebe, die Lebenslust, die Anerkennung, die Intuition, die Geduld und die Stärke. Alle lachten und tanzten miteinander und fühlten sich sichtlich wohl in ihrer Runde.

Die im Schatten hörten die Stimmen aus dem Licht. Und nun machte sich auch noch Bruder Neid bei ihnen breit, denn diese helle Lebendigkeit war für die Schattenwesen nicht auszuhalten.

„Pah, die mit ihrem aufgesetzten Liebesgetue, gehen mir echt an die Nerven.“ stöhnte die Ablehnung. „Boah, jetzt reicht es aber, ich kann Dein Gestöhne nicht mehr ertragen!“ schrie die Wut und blähte sich zu einem roten Feuerball auf. „Hört doch auf damit!“ flehte die Ohnmacht, „ich ertrage diese Lautstärke nicht.“ Sie zupfte nervös an ihrem verblassten rosa Gewand herum. „Ja das finde ich auch, ihr könntet mal Ruhe bewahren, aber das gibt so wieso nichts mehr, „jammerte die Hoffnungslosigkeit in ihrem zartgrünen, mehr graustichigen Kleid. „Ich hasse euch alle!“ tobte der Hass und blähte sich im schwarzen Anzug vor den anderen auf. „Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid!“ schrie er weiter. „Bbbbbitte, bbbitte nicht,“ schluchzte und stotterte die Angst grau und unscheinbar und wurde völlig überhört von den anderen Streithähnen.

„Was ist denn da drüben los?“ Die positiven Energien aus dem Licht schauten irritiert in die Dunkelheit. Das hörte sich ja schrecklich an. Da waren sie sich alle einig. „Wir müssen helfen,“ sprach die Hoffnung. Ihr lindgrünes Gewand strahlte dabei in ihr Gesicht. „Ja, Du hast Recht.“ nickte die Anerkennung in sonnigem, gelbem Gewand. Die eineiigen Zwillinge Freude und Lebenslust sprangen spontan auf, um los zu laufen in Richtung Schatten, um ihr oranges Licht zu verbreiten. „Halt, nicht so schnell!“ rief die blau gekleidete Geduld. „Lasst uns erst mal überlegen, wie wir vorgehen, damit uns die negativen Energien nicht in ihren Schatten zerren. Mit diesen Worten erwischte sie gerade noch den Zipfel eines Kleiderärmels von Freude. Sie kehrte sofort mit Lebenslust um, und beide setzten sich wieder zu den anderen. „Also“, sprach der violette Glaube mit ruhiger Stimme, „wichtig ist zunächst, dass alles, was wir tun, von bedingungsloser Liebe getragen wird.“ Das tannengrüne Kleid der Liebe leuchtete bei diesen Worten hell auf. Die dicke rote Stärke hüpfte etwas ungeduldig hin und her und konnte es nicht mehr abwarten bis es endlich losging. Doch die Intuition in ihrem tiefen Indigoblau mahnte sie schmunzelt: „Abwarten, liebste Stärke, alles zur rechten Zeit und mit Schwester Geduld.“ Nun überlegten alle gemeinsam, welche Absicht ihrer Hilfe zugrunde liegen sollte.

Denn weise, wie sie waren, wussten sie doch, dass ihre Schattengefährten eine Daseinsberechtigung hatten. Denn ohne ihre gegensätzlichen, wenn auch sehr stressigen Zeitgenossen, könnten auch sie, die lichtvollen Gefühle und Zustände, nicht existieren. Außerdem kannten sie die Weisheit, niemals Hilfe aufzudrängen, um sich noch besser zu fühlen, denn damit machten sie ihren Gegensatz immer hilfloser und abhängiger. Die Geduld wies alle immer wieder darauf hin, dass die hilflosen Gefühlen erst mal ihre Hilflosigkeit im Schattendasein sichtbar machen müssen, um sich dann selbst anerkennen zu können. Ansonsten würde jeder jeden versuchen zu unterdrücken und zu bekämpfen. Das wäre sinnlos. Und wie kann irgendwas am besten selbst Ja zu sich sagen, auch wenn es noch so weh tut?  …

Vielleicht fällt Dir ja jetzt spontan eine Fortsetzung ein. Lass Deiner Fantasie nur freien Lauf.  Du wirst sehen, das macht Spaß!

Na dann mal los: …..…………………………………………………………………………

Text: © Sabina Boddem 

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Der Fels in der Brandung, EIGEN-ART-GESCHICHTEN, EIGEN-ART-POESIE, EIGEN-ART-SPIRITUELL, Lebensphilosophien

Eine märchenhafte Geschichte: Der Fels in der Brandung und das Kieselsteinchen

Diese spirituelle Geschichte, die ich 2007 schrieb, erzählt einen sehr menschlichen Dialog zwischen einem Felsen und einem Kieselsteinchen, die sich über ihre Gemeinsamkeiten, ihre Gegensätzlichkeiten, ihren Daseinswert, ihre Stärken und Schwächen, so wie über ihre Verbundenheit unterhalten und …

Wer von uns ist der Fels, wer das Kieselsteinchen? Ich denke, dass wir uns in beiden wiederfinden können und auch sehr bald erkennen, dass sich alles im Leben ergänzt und sich fügt wie in einem Puzzle. Wir alle können uns nur achten, respektieren und gegenseitig bereichern …

 

Geschichte von Sabina Boddem - Farbenreich

 

Wer diese Geschichte nochmal in Ruhe nachlesen möchte, klickt bitte auf https://farbenreich.wordpress.com/category/eigen-art-geschichten/der-fels-in-der-brandung/

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Der Fels in der Brandung

Der Fels in der Brandung und das Kieselsteinchen – Teil I

Diese Geschichte, die ich 2007 schrieb, sollte eigentlich nur ein Dialog zwischen einem Felsen und einem Kieselsteinchen werden, die sich über ihre Gemeinsamkeiten, ihre Gegensätzlichkeiten, ihren Daseinswert, ihre Stärken und Schwächen, so wie über ihre Verbundenheit unterhalten, aber es entstand später eine Liebesgeschichte bestehend aus drei Teilen.

Da dieser erste Teil schon in sich abgeschlossen ist und dem Leser offen steht, weiter zu fantasieren oder nicht, weiß ich heute noch nicht,  ob ich die gesamte Geschichte – die eigentliche Handlung nicht mehr  „nur“ aus einem Dialog bestehend –  hier zukünftig preisgeben werde.

 

Der Fels in der Brandung und das Kieselsteinchen

Teil I

Die Begegnung – Kennen lernen

 


 

Ein Fels in der Brandung und ein Kieselsteinchen am Strand diskutierten über den Sinn und Zweck ihres Daseins.

Fels: Ich bin der Fels in der Brandung. Ich bin stark und widerstandsfähig.

Kieselsteinchen: Ich bin ein Steinchen am Strand, das beweglich ist und anschmiegsam.

Fels: Bedenke, liebes Kieselsteinchen, dass dich jeder aufheben, nehmen, aber genau so auch wieder wegwerfen und verlieren kann.

Kieselsteinchen: Dafür bist du unbeweglich und kommst nie von der Stelle.

Fels: Da hast du Recht, aber ich verändere mich, weil die Elemente an mir arbeiten und mir ein neues Bild verleihen, aber im Kern bleibe ich mir treu, weil ich nicht weg schwimme. Du aber kannst fort getragen werden vom Wasser oder von Menschen. Jeder kann mit dir spielen. Sie fragen dich nicht, ob dir das angenehm ist, was mit dir passiert und wohin du kommst. Außerdem schleift dich das Wasser immer kleiner …

Kieselsteinchen: Das ist das Risiko in meinem Leben. Ich habe zwar nicht die Wahl, wohin ich gelange, aber ich glaube daran, dass ich in gute Hände und an gute Orte gelange. Ich habe jedenfalls die Möglichkeit, an einem geschützten Platz zu liegen, an dem sich ein Mensch erfreut. Ich kann zu einem Glücksstein oder Talisman werden oder eine schöne Erinnerung an den Ort, an dem ich lag. Ich kann mich in eine warme Hand schmiegen und selbst zum Handschmeichler werden. Ja vielleicht verändere ich sogar mein Äußeres, weil ich bemalt werde oder komme als Schmuckstein zur Geltung …

Fels: Das stimmt. Auch für mich ist es ein Risiko, wie sich meine äußere Veränderung vollzieht. Ich könnte ausgehöhlt werden, aber auch dabei kann ich eine Höhle bilden zum Schutz für Menschen oder Tiere. Ich bin immer da, wenn ich gebraucht werde. Man darf mich aufsuchen und sich ebenso meines Anblickes erfreuen. Ich bin von Ferne schon sichtbar und kann damit eine ganze Landschaft verzaubern. Ich halte das Wasser ab, damit es keine Überschwemmung gibt …

Kieselsteinchen: Okay, du hast ja Recht, aber dafür bist du unnahbar. Niemand nimmt dich in die Hand. Du kannst dich auch nie verstecken und dich niemals anschmiegen. Du bist an vielen Stellen zwar vom Wasser glatt gespült, aber auch an vielen Teilen sehr, sehr kantig. Ich hingegen bin immer glatt und anschmiegsam.

Fels: Liebes, ich habe es nicht nötig, mich zu verstecken. Ich stehe zu meinen Ecken und Kanten. Und weißt du wie langweilig das sein kann, wenn man immer glatt und manipulierbar ist. Außerdem lebt meine Oberfläche. Darauf wächst Gras und Moos. Und manchmal kommen Menschen, um sich darauf auszuruhen. Sie liegen oder sitzen auf mir. Ich spüre ihre Wärme. Sie genießen die Sonne und haben eine wunderbare Aussicht mit Meerblick auf dem höchsten Punkt meines Seins. Sie fühlen sich befreit und leicht …

Kieselsteinchen: Hm, mir fällt nicht mehr viel ein. Irgendwie können wir jetzt so weitermachen oder damit aufhören? Was meinst du dazu, Fels? Ich fühle mich unwohl.

Da herrschte plötzlich Stille …

Nach einer Weile sprach der Fels: Weißt du liebes Kieselsteinchen, dass ich dich brauche?

Kieselsteinchen: Wie? Du, mächtiger Fels, brauchst mich kleines Steinchen? Das musst du mir jetzt aber mal erklären.

Fels: Das will ich gerne tun. Ich bin seit Jahrtausenden entstanden durch viele kleine Kieselsteinchen, die sich an mich geschmiegt haben. Deine Artgenossen sind ein Teil von mir. Du bist aus der gleichen Substanz wie ich! Ohne ein Steinchen, wie dich, gäbe es mich gar nicht. Außerdem schmiegst du dich gerade auch an mich am Fuße des Strandes. Und ich spüre deine glatte Oberfläche. Das tut so gut.

Kieselsteinchen: Lieber Fels, es tut so gut, dich zu spüren. In deinem Schutz zu liegen. Ja, ich bin gerne bei dir. Doch, wenn ein Mensch kommt und mich mitnimmt oder die Wellen mich fort tragen, dann ist es Zeit loszulassen. Dann sind noch viele andere Steinchen da, die sich mit dir unterhalten. Ich bin austauschbar. Du darfst hier bleiben, wo du hin gehörst. Du hast eine Heimat und trotzdem Abwechslung. Du musst jedoch mit dem Vorlieb nehmen, was auf dich zukommt. Und auch immer wieder von dem Abschied nehmen. Manche verweilen länger, manche streifen dich nur kurz. Dafür darf ich andere Länder sehen oder habe die Möglichkeit, in einem Haus oder Garten zu liegen.

Fels: Was machst du denn, wenn du an einen Ort gerätst, an dem du nicht sein möchtest oder dort unverändert liegen bleibst? Vielleicht sogar ungeachtet von einem Menschen, weil der Reiz, den du anfangs hattest, vorbei ist, der Urlaub zu lange her ist oder der Mensch, der dich als Geschenk erhielt, dich aus Liebeskummer in den Müll wirft? Was machst du, wenn ständig auf einem Gehweg auf dir herum getreten wird? …

Es wurde plötzlich ganz still …

Dann fragte das Kieselsteinchen ärgerlich, weil es mit seinen Ängsten konfrontiert wurde: Was machst du denn, wenn die Brandung so groß wird, dass das Meer dich verschlingt und du nicht weglaufen kannst? Du versinkst im Wasser, und niemand sieht dich mehr. Vielleicht strandet deshalb ein Schiff auf dir und geht unter, weil es dich nicht gesehen hat. Dann ertrinken Hunderte von Menschen deinetwegen! …

Wieder herrschte große Stille ….

Nach langem Überlegen sprach der Fels: Liebes Kieselsteinchen. Wir beide sind miteinander verwandt, mehr noch als alles andere. Alles im Universum ist miteinander verbunden. Uns kann gar nichts passieren, wenn wir unsere Gedanken positiv denken. Jeder ist eine Bereicherung für den anderen. Es gibt kein Gut oder Schlecht. Kein Stärker oder Schwächer. Du wirst gebraucht und ich auch. Was auch passiert, es geschieht gemäß eines universellen göttlichen Plans. Alles hat einen Sinn, wenn wir vertrauen können, dass alles im Hier und Jetzt gut ist, so wie es ist und gut wird. Komm, kleines Steinchen, und reibe dich ein bisschen an mir. Es tut mir gut.

Das Kieselsteinchen fühlte sich plötzlich so frei und stark wie der Fels. Es hat den Fels insgeheim immer bewundert und beneidet um seine Standhaftigkeit, seines Mutes, seiner Stärke und Größe. Um sich selbst stark zu fühlen, hat es ihm jedoch Arroganz und Sturheit, Starre und viele negativen Eigenschaften mehr zugeschrieben.

Der Fels fand  Kieselsteinchen zwar wunderschön, aber auch ziemlich wankelmütig und wechselhaft, weil sie sich doch immer nur von einem zum anderen Punkt tragen ließen, ohne sich wehren zu können. Insgeheim wünschte er sich doch auch mal geborgen und geschützt sein zu können und einfach mal Schwäche zeigen zu dürfen.

In diesem Gespräch wurde beiden klar, dass sie ohne einander nicht existieren können und, dass jeder gut so ist wie er ist. Dass alles davon abhängt, im Hier und Jetzt dankbar zu sein, und alles einen Sinn macht. Dass zu allem Lebendigen Licht und Schattenseiten gehören. Das Beste daraus machen, darauf kommt es an. Das Dasein ist ein Abenteuer. Alles bereichert sich gegenseitig und lebt voneinander. Neid ist dumm. Das haben auch die beiden erkannt.

Ob sie heute noch aneinander geschmiegt im Gespräch sind, der Fels und das kleine Kieselsteinchen? Das wissen nur der Wind und das Universum.

Vielleicht liegt das Steinchen in einem dunklen Kästchen und lernt gerade, die Dunkelheit und Stille auszuhalten, weil es zu seinem Lebensplan gehört. Denn es kommt gestärkt irgendwann aus dieser Dunkelheit ans Licht und weiß, wie überlebensfähig es sein kann. Es durfte sich nur ausruhen, weil es diese Ruhe zugelassen hat und weiß, dass es nur zu sein braucht und nichts mehr beweisen muss. Es hat dadurch vielleicht gelernt, sein Glück nicht mehr im Außen zu suchen und in der Bestätigung anderer.

Vielleicht ist der Fels im Meer ertrunken und lernt nun, im Verborgenen, für die Wassertiere und Pflanzen ein zu Hause zu sein…

Wer weiß?

Was bleibt ist nur die Erinnerung an einen Fels in der Brandung und an ein Kieselsteinchen, die sich begegnet sind und voneinander gelernt haben, wie wertvoll sie beide sind … Geschöpfe der universellen Liebe und trotzdem Schöpfer ihres eigenen Lebensplanes. Eben zwei, unzähliger Wunder der Natur …

So, wie DU!!!

… Gerade kommt ein Mensch vorbei und fotografiert Kieselsteinchen am Felsen, weil ihn der Anblick dieser Gegensätze so fasziniert …


Text: © Sabina Boddem


Glückssteine

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Denkt euch, ich habe das Christkind … Kindheitserinnerungen an die 60ger Jahre

Vom Christkind

Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,

mit rotgefrorenem Näschen.
Die kleinen Hände taten ihm weh,

denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her.

Was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihre Naseweise, ihr Schelmenpack –

denkt ihr, er wäre offen der Sack?
Zugebunden bis oben hin!

Doch war gewiss etwas Schönes drin!
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen!

Anna Ritter (1865-1921)

Dieses Gedicht war mein Lieblingsweihnachtsgedicht in meiner Kindheit. Es war das erste, das ich schon auswendig vor dem Christbaum aufsagte, als ich noch nicht zur Schule ging. Jedes Jahr stand ich da, und mein persönlicher Schlusssatz lautete  stets: „Es roch so nach Äpfeln, Nüssen und Puppenküchen!“ Ich wünschte mir doch so sehr eine Puppenstube. Dann, an irgendeinem Weihnachtsfest, durfte ich sie endlich auspacken, meine erste Puppenstube. Damals wurden sie noch von Hand gezimmert. Der Schreiner in meinem Heimatdorf Kalkum, das heute zu Düsseldorf gehört, hatte sie angefertigt. Ja, wir hatten sogar noch einen echten Dorfschmied, bei dem wir immer zuschauen durften, wie die Pferde neu beschlagen wurden. Es gab also den Schreiner, den Hufschmied, dann noch den Briefträger, den Anstreicher, die Frau Schiffer aus dem Tante-Emma-Laden, dem einzigen Laden im ganzen Unterdorf und die Bauern. Bei dem einen Bauer holten wir abends in den alten Milchkannen, die man heute nur noch im Museum bestaunen kann, die frische Milch von Kühen, die noch saftige Weiden kannten. Von dem anderen Bauer erhielten wir immer Eier von damals noch wirklich glücklichen und frei laufenden Hühnern. Die Tochter dieses Bauern war eine meiner Freundinnen. Ich durfte ihr schon mal helfen Eier zu verkaufen. Könnt Ihr Euch heute noch ein kleines Mädchen vorstellen, das vorne und hinten das schwere Fahrrad bepackt hatte mit Eiern und mich noch zusätzlich auf dem Gepäckträger mitnahm, wenn die Taschen hinten schon leer waren? Früher musste das funktionieren. Wehe die Eier gingen mal zu Bruch, dann gab es Ohrfeigen, denn die Eltern waren echt streng früher, auch meine eigenen. Das Spielen auf dem Bauernhof hingegen war ein Traum, den die Kinder heute höchstens aus alten Astrid-Lindgren-Filmen oder aus Heidigeschichten kennen. Ja, spielen auf dem Land war damals unbeschreiblich schön. Ich glaube, wenn das nicht gewesen wäre, wir hätten so manches nicht so gut verpacken können. Aber wir spielten noch –  im Gegensatz zu den Kids heute. Wir machten Rollenspiele, waren kreativ und hatten jede Menge Fantasie. Das war allein schon Spieltherapie pur, die heute von Therapeuten – u. a. habe ich so gearbeitet –  angeboten wird, damit die Kinder wieder lernen, sich selbst zu spüren … So hat doch jede Zeit ihre Schatten- und Lichtseiten! Ich merke, wie ich mich aber auch manches Mal ertappe bei dem Satz: „Ja, früher war alles viel schöner.“ Hm, dafür hatten wir jedoch andere Sorgen. Doch das möchte ich an dieser Stelle hier nicht vertiefen, denn ich habe nicht die Absicht, meinen kleinen Ausflug in meine Landkindheit zu trüben.

Es ist Weihnachtszeit, deshalb fand ich dieses Gedicht im Google, was mich eben ganz spontan an das alles denken ließ. An die Zeit, als in der großen Wohnküche tagelang gebacken wurde: Riesige Christstollen mit Marzipan, unzählige Gläser mit Spritzgebäck, Makronen aller Arten, ausgestochene Plätzchen, die mit Eigelb bestrichen wurden und Vanillekipferl. Es waren tatsächlich Unmengen, denn ich hatte fünf Halbgeschwister. So war das Haus an Weihnachten richtig voll. Wir durften früher noch nichts vor Weihnachten von dem Gebackenen essen, so wie es auch nicht üblich war, den Christbaum schon vorher zu sehen. Bei uns war es Brauch, am ersten Weihnachtstag früh morgens mit den Kindern zu bescheren, die noch zu Hause lebten. Die anderen, schon Verheirateten, die bereits selbst Kinder hatten, kamen am zweiten Weihnachtstag, an dem es noch eine eigene Bescherung für sie gab.  Heiligabend wurde nicht gefeiert. Am ersten Weihnachtstag standen wir gespannt vor der Wohnzimmertür bis das helle Glöckchen erklang. Dann betraten wir „Ihr Kinderlein kommet“ singend das Weihnachtszimmer.  Nachdem wir vor dem Tannenbaum mehrstimmig alle traditionellen Lieder gesungen hatten, durften wir die Geschenke auspacken. Danach wurde an dem festlich geschmückten Kaffeetisch – damals noch mit dem guten Festtagsporzellan und dem Silberbesteck und der handbestickten Weihnachtstischdecke – gefrühstückt, und es gab zum ersten Mal unseren Christstollen und die Plätzchen. Anschließend fuhren wir in die Düsseldorfer Altstadt zur Maxkirche, in der schon damals die Konzertmessen stattfanden. Dort trafen wir auch die älteren Geschwister, Tanten, und Onkel. Zuhause wieder angekommen besuchten wir mit einigen Geschwistern die Nachbarn, zwei ältere alleinstehende Damen, die in einem alten Fachwerkhäuschen lebten, in dem es immer so pilzig roch. Aber es hatte was, denn es erinnerte mich immer daran, dass Weihnachten war. Bei den beiden Fräuleins, so wurden sie ja früher genannt, bekamen wir selbstgebackene, staubtrockene, viel zu süße Plätzchen, verschrumpelte Äpfel, aber auch leckere Nüsse aus dem eigenen Garten. Traditionsgemäß  sangen wir den beiden Frauen zum Dank im Chor mehrstimmig oder im Kanon die Weihnachtslieder vor, bis die Tränen vor Rührung kullerten. Schließlich waren wir als musikalische Familie im ganzen Ort bekannt und mussten des öfteren vorsingen oder musizieren. Damals kannte man die Kelly Family noch nicht. Aber es gab einen alten Heimatfilm aus den fünfziger Jahren, in dem die Trapp Familie mit ihrem Gesang berühmt wurde, und nach der wurden wir häufig benannt. 🙂

Ja, so könnte ich noch stundenlang weiter schreiben. Doch ich möchte Euch nicht langweilen mit meinen Ausschweifungen in meine Kindheit. Ich will sie auch nicht glorifizieren, denn wie eingangs schon erwähnt, haben wir es auch nicht leicht gehabt. Ich konnte in meinem Leben vieles aufarbeiten, und das auch mit professioneller Unterstützung. Ich habe es geschafft, mich von alten Lasten zu befreien, die Menschen loszulassen, die mir nicht gut getan haben und auch denen den Rücken zu kehren, die wissend sind, aber nichts wissen möchten. Ich bin buchstäblich im Frieden und möchte ebenso in Frieden gelassen werden. Mir geht es gut, und ich begleite schon sehr lange andere Menschen professionell auf ihrem individuellen Weg der Aufarbeitung. Ich bin der Meinung, dass jede Seele sich das aussucht, was sie für ihr ganz individuelles Wachstum braucht, auch wenn das manches Mal unbegreiflich erscheint angesichts des Missbrauchs, der Krankheit oder sonstigen Leides, dem manches Kind schon von klein auf ausgesetzt ist. Trotzdem glaube ich fest daran, dass alles doch einen Sinn hat.

Und dessen besinne ich mich zur Weihnachtszeit in Dankbarkeit, weil ich vieles durchlebt habe, und aus mir das geworden ist, was ich heute bin. So möchte ich jedem Mut machen, der zweifelt oder sich verändern möchte, aber sich noch nicht traut und der den Weg zu sich selbst gehen möchte, auch wenn das Ziel noch unbekannt ist.

In diesem Sinne wünsche ich allen von Herzen noch eine besinnliche und geruhsame Weihnachtszeit!

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Die kleine Weihnachtsgeschichte von einem Wunsch, der wahr wurde

Es geschah an einem kalten Wintertag …


Düssldorf Altstadt in der Weihnachtszeit

Der Wind blies eisig durch die verschneiten Straßen der Großstadt. Hastig eilten die Menschen an hell erleuchteten Schaufenstern vorbei. Einige suchten nach Weihnachtsgeschenken, manch einer aber beeilte sich, um nach Hause in‘ s Warme zu kommen. Natürlich gab es auch welche, die sich nach Feierabend auf einen Glühwein an der Weihnachtsmarkthütte freuten.

In dem allabendlichen Getümmel bemerkte niemand das kleine zitternde Fellknäuel, das zusammengekauert in der Schaufensternische eines leer stehenden Ladens saß. Ganz nahe an den Mauersockel gepresst hockte es da und leckte sich ein Pfötchen, weil sich ein Kieselsteinchen eingedrückt hatte und fürchterlich juckte. Fellknäuelchen ging es gar nicht gut. Eiskalt waren die Pfötchen – von dem Hunger, dem Durst und dem Gefühl der Verlassenheit mal ganz abgesehen.

In der Zwischenzeit, gar nicht weit entfernt, stand einer der vielen Menschen vor dem Schaufenster eines Spielzeugwarenladens und betrachtete in Gedanken versunken die bunte Pracht an Stofftieren, die sich in einer von Kunstschnee glitzernden Landschaft um einen mit roten Kugeln und silbernen Lametta geschmückten Tannenbaum versammelten. Der Mensch lebte alleine. Im Laufe der Jahre war es ruhig um ihn herum geworden. Nahestehende Menschen waren gestorben, liebe Freunde gab es, aber sie hatten natürlich ihre eigene Familie und damit verbundene Aufgaben. Der Mensch entdeckte im Fenster einen kleinen Plüschhund, der ihn so süß anschaute, dass sein Betrachter schmunzelnd dachte: „Ich wünschte, der kleine Kerl wäre jetzt lebendig.“ Während der Mensch sich das amüsiert vorstellte, bemerkte er nicht, dass sich ganz dicht neben ihm tatsächlich etwas bewegte. Eine kleine feuchte, schwarze Nase schnüffelte neugierig an seiner Einkaufstasche herum. Das hungrige Fellknäuelchen wollte ja nicht unhöflich sein und den träumenden Menschen stören. Deshalb versuchte es erst mal, alleine an den duftenden Inhalt der Tasche zu gelangen. Es stellte sich auf die Hinterpfötchen, reckte sich so vor, dass die Vorderpfötchen auf dem Taschenrand liegen konnten. So hatte es die Möglichkeit, unbemerkt zu riechen, wo sich das begehrenswerte Objekt genau befand. Das wuschelige Schwänzchen wedelte dabei aufgeregt hin und her. „Noch ein bisschen recken … ja, noch ein wenig mehr … gleich bin ich drin,“ und schon war es passiert! Gerade als die Hinterpfötchen abheben wollten, um sich an der Tasche hochzuziehen, plumpste das Fellknäuelchen hin und direkt auf die Füße der Person, der die Tasche gehörte und die im gleichen Moment weitergehen wollte. Der Mensch erschrak, ließ seine Tasche fallen und sprang einen Schritt zurück. Doch, was sah er da, als er sich von dem ersten Schrecken erholt hatte? Da saß doch tatsächlich ein kleiner Hund vor ihm. Er schaute fast genau so aus, wie der aus dem Schaufenster. Nur, war das lebendige Knäuel vor ihm etwas zerzauster, aber dafür viel putziger. „Na, wer bist denn du? Bist du wirklich ein lebendig gewordenes Stofftier?“ Der Mensch ging lächelnd in die Knie und hockte sich vor das kleine Tierchen, das sein Köpfchen zur Seite legte, die Öhrchen aufstellte und ihn anschaute mit diesem typischen, unwiderstehlichen „Nimm mich bitte mit-ich habe solchen Hunger-bin auch ganz lieb und möchte ins Warme- Blick“. Dabei gab es die entsprechenden Hundesprachenlaute von sich, die jeder verstand! Der Mensch hatte gar keine Gelegenheit mehr zu schauen, zu wem der kleine Hund gehörte, denn er entdeckte sofort ein kleines Schild an dem Lederhalsband, auf dem stand: „Bitte nimm mich mit, denn ich gehöre zu niemandem mehr. Ich bin gut erzogen und suche ein neues Zuhause!“ „Hm …?“ Der Mensch schüttelte den Kopf. „Wer macht denn so was?“ Eine Hundemarke gab es nicht. Flöhe konnte er auf den ersten Blick beim Streicheln auch nicht feststellen. Wäre der verschmuste, kleine Hund eine Katze gewesen, hätte er laut geschnurrt, so sehr freute er sich über die liebe Art des Menschen, der ihn sofort ins Herz geschlossen hatte.

Nun sind inzwischen Jahre vergangen. Der Mensch hatte damals vergeblich alles versucht, um den Besitzer ausfindig zu machen. Natürlich insgeheim in der Hoffnung, dass es niemanden gab. Er und Fellchen standen von da ab jedes Jahr zur gleichen Zeit vor dem Schaufenster des Spielwarenladens und feierten ihren Jahrestag mit den Würstchen, die sich damals in der Einkaufstasche befanden. Das sind Fellchens ganz besondere Weihnachtszeitleckerlis, denn diese gibt es üblicherweise nicht so häufig. Fellchen und der Mensch sind glücklich und unzertrennlich. In diesem Jahr ist das Spielzeugwarengeschäft geschlossen. Aber dafür ist noch ein kleines Wunder passiert. Der kleine Hund lebt nun mit zwei Freunden zusammen, denn der Mensch hat inzwischen einen anderen lieben Menschen getroffen. So feiern sie bald zu dritt das Weihnachtsfest und sind glücklich und dankbar, dass sie sich gefunden haben.

„Und, wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …“

… und das so was von putzmunter! 😉

 

Text und Foto © Dezember 2010 Sabina Boddem

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Lustige Weihnachtsgeschichte

Von sprechenden Gegenständen und anderen Heiterkeiten am Empfang

Stellt Euch mal vor, Ihr würdet am Empfang eines großen Firmengebäudes arbeiten, säßet hinter der Empfangstheke an der Telefonzentrale und alles um Euch herum könnte reden:

Fangen wir da doch mal mit der Lampe an: „Äi, Manno, ich han kin Bock den janzen Tach hier röm zu scheinen. Dat is janz schön anstrengend und Enerjieverschwendung. Mich is uch langsam abba sicher heiß. Mensch, macht dat Licht us! Nix för onjot, dat Sonn scheint!“ Die Lampe ist eine alte Düsseldorferin und besteht auf ihre rheinische Mundart. Eine kleine Übersetzung für Nichtrheinländer: „Ai, Manno, ich habe keine Lust den ganzen Tag hier rum zu scheinen. Das ist ganz schön anstrengend und Energieverschwendung. Mir ist auch langsam aber sicher heiß. Mensch, macht das Licht aus. Nichts für ungut, die Sonne scheint!“

„Was willst du denn schon wieder? Hör auf zu meckern“, schrillt das schwarze Telefon. „Was soll ich denn sagen. Ständig muss ich brüllen, damit mich die dunkelhaarige Kleine hier bedient, weil sie mal wieder im Schreibfieber ist. Dabei sehne ich mich doch nach Erlösung durch ihre Berührung. Ich liebe es, wenn die beiden Süßen hier meinen Hörer in die Hand nehmen und ihre schönen Stimmen hinein hauchen. Nur, was da vom anderen Ende häufig entgegen kommt, das gefällt mir nicht immer. Manche murmeln so‘ n doofes Zeugs auf bayrisch oder so durch mich durch. Da kriegt man ne Krise bei. Englisch ist noch schlimmer. Ich lach mich aber dann immer über mein Blondchen schlapp, wie sie sich abquält. Na ja, so ein Telefonleben ist viel anstrengender, als das von einer Lampe.“

„Boah, geht‘ s noch, ich will schlafen. Muss das ausnutzen, wenn mal keiner seine Sauklaue in mich hinein kritzelt,“ stöhnt die Besuchermappe. Das vergilbte Telefon ist inzwischen auch wach geworden. Es ist ziemlich unbeliebt bei den anderen, weil es am wenigsten zu tun hat und meistens pennt. Es räkelt sich ein bisschen und versucht doch ein paar Worte an die anderen Gegenstände zu richten: „Okay, okay, ich weiß, dass ihr ja alle ganz schön neidisch auf mein ruhiges Dasein seid. Aber habt ihr euch mal Gedanken darüber gemacht, wer durch mich des Öfteren spricht? Von den ganzen falsch Verbundenen mal ganz abgesehen. Na, ihr kennt ihn alle und besonders unsere geliebten Schnuckelchen hier. Mehr muss ich euch dazu wohl nicht berichten. Allein schon der Gedanke an die Stimme, die ich transportieren muss, erfüllt mich mit einem leichten Ekelgefühl. Würgli und Kötzerli, sag ich da nur.“ „Komm, du Schwuli, du stehst doch auf den“, frotzelt das graue Telefon mit lauter Stimme, weil es am anderen Ende steht und sich ein Spaß daraus macht, seinen vergilbten Kollegen zu ärgern. Der lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen und schweigt lieber.

„Müsst ihr denn immer nur jammern?“ fragt die Maus vorwurfsvoll, „ich kann mich nicht beklagen, denn ich werde am meisten gebraucht und habe keine Langeweile. Und die warmen Berührungen der netten Damen hier finde ich sehr angenehm. Ich beziehe so viel positive Energie daraus. Ich liebe meinen Job!“ Die Maus gerät richtig ins Schwärmen und schnurrt vor sich hin. Dabei schielt sie etwas eifersüchtig auf die Tastatur, die gerade ständig berührt wird. Viel mehr als sie selbst. Und das passt der Maus ja gar nicht. Die Tastatur ist eher genervt, weil sie von der Hämmerei Migräne bekommt. Sie will sich endlich mal ausruhen können. Deshalb kann sie die Dunkelhaarige, die sich stets auf ihr auslässt, gar nicht leiden. Es grault ihr schon, wenn diese Dame Dienst hat. Der Drucker hingegen freut sich, wie ein kleiner Bagger, weil er dann immer so schöne Texte drucken darf. Er ist ein ganz gemütlicher Gegenstand, der sich mit nichts aus der Ruhe bringen lässt. Manchmal ärgert er die zwei Süßen ein wenig, indem er das Papier nicht durchlassen will. Aber das ist nur einer seiner harmlosen Streiche, besonders für die kleinere von den beiden, Gabi heißt sie, weil sie anfangs immer gleich die Panik bekam. Jetzt, wo sie den Fehler ohne Herrn Bitman erkennt und beheben kann, macht dem Drucker es nicht mehr so viel Spaß zu streiken.

„Ist das gemütlich hier!“ ruft plötzlich eine volle warme Stimme durch den Empfangsraum in die Stille. Sie kommt von der großen Theke, der Chefin aller Gegenstände. Sie fühlt sich für alle verantwortlich, weil alles auf ihr ruht oder lastet. Und sie muss repräsentieren, strahlen und blitzsauber sein. Jetzt zur Weihnachtszeit, kann sie sich ein bisschen vom ständigen Licht, das normalerweise aus ihr raus scheint, erholen. Es wird ausgeschaltet, damit der Weihnachtsbaum besser zur Geltung kommt. „Aua, das tut weh!“ schreit das vergilbte Telefon, weil Gabi gerade etwas entnervt den Hörer aufgelegt hat. Es war der mindestens fünfte Anruf von jemandem, der sich verwählt hat, innerhalb von fünf Minuten. Das Telefon fühlt sich ungerecht behandelt, denn schließlich kann es nichts für die ständigen Fehlschaltungen. „Du bist echt nicht zu beneiden“, wispert die kleine Zettelbox zu ihm rüber, obwohl sie sich täglich schwächer fühlt. Sie hat Angst, im Müll zu landen, weil sie schon so abgegriffen aussieht, und die Zettel in ihr immer weniger werden. Außerdem hat sie sich gerade mit dem kleinen Magnetnikolaus angefreundet, der über ihr die weiße Fläche farbenfroh und lustig dekoriert. Nun befürchtet die Zettelbox, dass der Abschied von dem kleinen Nikolaus vorprogrammiert ist, weil der nur bis Weihnachten bei ihr sein kann. Der kleine rote Weihnachtsmann tröstet sie liebevoll, indem er ihr erzählt, wie schön und dekorativ sie wohl nach dem Recycling aussehen würde. Die Zettelbox hat nur die Befürchtung, dass sie zu einem anderen Gegenstand verarbeitet wird, der dann nutzlos herumstehen könnte. Aber noch ist sie bei ihrem geliebten Nikolaus, und sie versucht im Hier und Jetzt glücklich zu sein, indem sie nicht an die Zukunft denkt.

Plötzlich zischt es in die Stille: „Bah, ich ekle mich ja so! Diese fiesen, fettigen Finger von dem Fahrer. Grrrr, die waren total dreckig.“ Bleib mir bloß von der Mine!“ kreischt der andere Kuli. „Stell dich nicht so an. Was rollst du mir auch ständig auf die Plastikpelle, da kann ich doch nichts für“, schimpft der verdreckte Kuli zurück. „Mensch Kinder, müsst ihr hier so einen Aufstand proben? Das geht mir auf die Nerven. Konzentriert euch lieber auf eure Aufgabe, ordentlich die Listen zu führen und in mich hinein zu schreiben“, mahnt das Notizbuch die beiden Streitkulis. Da meldet sich die Schreibunterlage zu Wort: „Ihr habt vielleicht Probleme. Was soll ich denn sagen? Vor Monaten wurde ich liebevoll bemalt und beschrieben mit Mandalas, Smileys, Gedichten und Witzen. Und seit August steht hier gar nichts mehr. Ich werde einfach ignoriert. Das schlimmste an der Sache ist, dass ich dann auch noch ab und zu abgerissen werde und einfach ein Teil von mir im Papierkorb landet. Was soll das? Die Tussen am Empfang haben wohl ’nen Knall!“ Die Schreibunterlage ist richtig sauer.

„Schluss mit dem ewigen Gejammer! Es reicht jetzt! Wir wollen unsere Ruhe haben!“ rufen die Telefonlisten stolz, dass sie endlich mal einer Meinung sind. „Geht das bei Euch immer so ab?“ Die Sprudelflasche ist sichtlich erstaunt über das Wortgefecht um sie herum. Sie kennt nur die Ruhe im Eisschrank und steht ja nur viereinhalb Stunden inmitten dieser Chaoten, die sich ständig zu streiten scheinen.

„Hey“, meint der Wochenplan, „ich hänge hier auch nur eine Woche, aber ich find‘ s ganz lustig hier. Kommt wenigstens keine Langeweile auf. Na, hallo, wen haben wir denn da? Hübsch, hübsch … “ Dabei blinzelt der Plan zu seiner rechten Seite, an der sich drei bunte Postkarten breit gemacht haben. Eine Blondine auf rotem Untergrund und zwei Sprüchekarten. Ja, diese Nachbarschaft gefällt dem Wochenplan, der es gerade bereut, dass er am Montag schon wieder ausgewechselt wird. Na dann aber ran an die Buletten … Er träumt schon vom Wochenende, wo er ungestört flirten kann, weil dann niemand vor ihm sitzt und auf den Tasten herumhaut. Der Telefonhörer vor ihm grinst schon, weil er die Gedanken des verwegenen Gesellen über ihm schon kennt.

„Geht das auch mal ein bisschen sanfter?“ schreit der Türdrücker. „Ich bin auch nur ein armer Knopf, der mal liebevoll gedrückt werden möchte. Schließlich schütze ich euch alle vor unerwünschten Eindringlingen. Aber das ist eine richtig undankbare Aufgabe, weil ich immer nur genervt behandelt werde. Im Gegensatz zur Tastatur. Ich beobachte schon die ganze Zeit Gabi, wie sehr ihr das Schreiben Freude macht. Die Tastatur weiß gar nicht wie gut es ihr geht, dabei jammert sie ständig über Tastenkopfschmerzen. Ich habe Knopfschmerzen, die sind viel schlimmer!“ Der Türdrücker kann sich gar nicht mehr beruhigen.

„Jetzt hör aber auf“, motzt der Klingelknopf für die Firma Williwichtig, „gerade kommen Pakete an. Und wer drückt unsensibel auf mir rum? Gabi, weil sie beim Schreiben unterbrochen wird. Dabei freue ich mich immer, wenn die Schublade aufgeht und ich endlich zum Einsatz kommen darf. Die Besucherzettel neben mir sind so humorlos und bürokratisch. Das Gefasel über Unterschriften und Sicherheiten lässt mich nur noch gähnen. Dunkel ist es ja ohnehin schon. Da kann ich ja nur noch an‘ s Schlafen denken.“ „Ein bisschen mehr Respekt bitte“, fordern die Besucherzettel. Besonders die Scheine der Firma Arroganza sind hörbar gekränkt: „Wisst ihr eigentlich, mit wem ihr es zu tun habt? Auf uns trägt sich nicht irgend so ein Prollofahrer ein. Auf uns verewigen sich nur gebildete Leute.“ „Äi, ein bissken nett hier, sonst krischt ihr mal wat up dat Papier“, drohen die Williwichtigscheine. „Wat bildet ihr euch eijentlich ein? Am Ende landet ihr jenau so im Reißwolf wie wir. Also haltet mal janz schön dat Papier flach!“ Doch eh der Streit noch weitergeht, ist die Schublade auch schon wieder zu und die anderen draußen haben ihre Ruh.

„Vorsicht, ich bin kitzelig“, kichert gerade das Mousepad, als Gabi es berührte. „Soll ich ein wenig nachhelfen?“ neckt die Maus ihre Freundin und lässt sich von Gabi ein bisschen hin und her bewegen. „Hi, hi, hi, … aufhören, lass das, hi, hi, … !“ Das Pad giggelt wie verrückt. Es kokettiert nur, weil es in Wirklichkeit gar nicht will, dass die Maus aufhört es zu kitzeln. Die Maus kennt das Spielchen schon und fährt munter fort. Auch die beiden alten verschmutzten Magnete sind gut drauf, weil sie sich gerade mit ihrem Neuzugang anfreunden. Zuerst dachten sie ja, die drei bunten, blitzsauberen Neulinge seien arrogant. Sie wurden erst mal skeptisch beäugt. Aber die drei Gesellen riefen ihren Kollegen bald, nachdem sie am Blech klebten, munter einen Gruß zu und stellten sich als Rotli, Grünli und Gelbli vor. So war das Eis schnell gebrochen.

Na, was hören denn alle plötzlich? Eine Melodie, die sich recht fröhlich anhört. „Mögen alle Wesen dieser Welten glücklich sein, glücklich sein, glücklich sein … “ klingt es von der Magnetwand. Es sind die bunten Namensherzchen, die gemeinsam mit der Regenbogenpostkarte ein Mantra singen. Sogar die sonst so nüchternen Informations- und Anweisungszettel stimmen mit ein. Der Tischkalender rutscht im Takt hin und her und schubst im Eifer des Rhythmus beinahe Gabi‘ s Brillenetui runter. Auch der Notizblock pfeift etwas schräg mit. Er ist nicht gerade musikalisch, aber die Hauptsache ist doch, dass es allen Spaß macht.

„So und jetzt bitte „Oh Tannenbaum“!“ ruft der große blau und silbern geschmückte Baum vor der Theke in die singende Runde. Und alle einschließlich der Möbel, Pflanzen, Kübel, Bilder und was sich noch alles im Empfangsraum befindet, stimmen mit in das Weihnachtslied ein. Die Pflanzen trällern den Sopran, die Pflanzenkübel singen die zweite Stimme, die dicken Sessel dröhnen den Bass, Bariton erschallt aus den Bildern an den Wänden. Die Tische summen etwas unbeholfen mit, weil sie ihre Tonlage noch nicht herausgefunden haben, die Sonnensegel schlagen den Rhythmus, die Türen klappern mit, das Prospektregal hält sich leise summend und schüchtern zurück, während die Prospekte melodisch mit flöten. Die Merci-Schokolade, die Gabi gerade geschenkt bekam, schmilzt vor Rührung nur so dahin und die Kohlensäure im Wasserglas blubbert neben der Schokolade den Takt. Nur die Heizungen, der Schlüsselkasten, die graue Trennwand, der Stuhl, die Schubladenrollwagen, der Rechner, der Monitor und der Mülleimer wollen nicht mit musizieren, weil sie das alles kindisch finden. Doch als sie dann plötzlich „Oh du fröhliche“ hören, wird auch ihnen ganz warm um‘ s Herz. Aller Neid und Streit sind vergessen. So singt nun alles glücklich und in Harmonie vereint gemeinsam im Chor das Weihnachtslied. „Und wir sind auch noch da!“ rufen das Adventsgesteck und die schmückende Kette auf der Theke. Ja, beinahe wären sie vergessen worden, dabei haben sie glockenhelle Stimmen …

Und, wenn sie nicht gestorben sind,

dann singen und lachen sie noch heute … 😉

Text: © Sabina Boddem

Diese Geschichte schrieb ich vor vielen Jahren, als ich mal als Empfangssekretärin jobbte. Die Gegenstände gab es wirklich am Platz, an dem ich arbeitete. Die Firmen und Namen der Personen habe ich natürlich geändert. Wenn mal nichts zu tun war, dann ging eben meine Fantasie mit mir durch, wie Ihr hier bemerken könnt.

😀 😀 😀

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