Wer nie dagesessen und in sich gehorcht hat …

 

 

Wer nie da gesessen und in sich gehorcht hat,

wer nie seinen Atem gehört und gefühlt hat,

wer nie seine Augen berührt und diese Berührung gespürt hat,

wer nie aufgeben wollte und dennoch zaghaft wieder begonnen hat,

wer nie erstaunt war über seine Fähigkeiten,

wer nie Angst hatte vor seinen Unfähigkeiten und seiner Hilflosigkeit,

wer nie Zweifel an sich hatte,

wer sich nie gehabt und geliebt hat,

wer sich nie intensiv gesehen, gehört, gefühlt und erlebt hat,

der hat sich  n i e  gelebt.

Denn:

Wer nicht in sich gehorcht hat,

der hat seinen eigenen Atem nicht gehört.

Und wer seine Augen nie berührt oder

diese Berührung nie als seine eigene wahrgenommen hat,

und wer nie in Verwunderung kam über das Prasseln des Regens,

den Donner und den Blitz, das leise Rieseln des Schnees,

der überhört und übersieht und empfindet alles als selbstverständlich.

Und wer nie aufgeben wollte und doch mutig wieder begonnen hat,

der hat sich nie dem Kampf mit sich selbst gestellt.

Und wer nie über seine Fähigkeiten erstaunt war,

der hat auch nie das wunderbare Gefühl verspürt,

zu welchen Taten und Gedanken er imstande ist.

Und wer nie Zweifel an sich hatte,

der kann sie nie bewusst ändern.

Wer sich nie gehabt und geliebt hat,

der ist nicht in der Lage, andere zu sehen und zu verstehen

in ihren Stärken und Schwächen.

Wer über all das immer hinweg gegangen ist,

der ist so weit entfernt von sich selbst,

wie die Wüste vom Meer.

 

Text © 1982 Christiane H., meine damals beste Freundin, die im Alter von 20 Jahren dieses Gedicht schrieb und mir schenkte. Das von ihr handbeschriebene Blatt klebt in meinem Tagebuch.

Wir hatten immer schon die gleiche Ader. Wir lernten uns in der FOS für Kunst und Gestaltung kennen, zogen anschließend nach Krefeld und studierten dort Design. Wir führten viele Nächte lang die intensivsten Gespräche, philosophierten über die Liebe und das Leben, schrieben, malten, träumten und hörten mit Hingabe Klaus Hoffmann und Alan Stivell, um hier nur zwei wenige Beispiele unserer Musikrichtung zu nennen. Was aus Christiane geworden ist, weiß ich leider nicht. Ich kann sie nirgendwo finden.

www.farben-reich.com

6 Kommentare

  1. Wenn du sie nicht mehr suchst, dann wird sie kommen, sei gewiß.
    Meine beste Schulfreundin wohnt 5 Minuten von mir fort, darf sie nicht besuchen, nicht anrufen und PC hat sie nicht.
    Sie hat Krebs und schottet sich ab.

    Herzlichst ♥ Marianne

  2. Das ist sehr sehr schade. Aber offensichtlich möchte sie keinen Kotakt mehr. Die Verse, die sie schrieb, sind wunderbar. So etwas kann eigentlich nur ein sehr feinfühliger Mensch schreiben. Verständlich, dass du dir Gedanken machst.

  3. Das läßt ja auch nicht wirklich das Beste erahnen….
    Natürlich verändern sich Menschen, auch mal recht schnell, weil irgendein Ereignis nicht spurlos an einem vorbei gegangen ist. Aber den ganzen Freunden nicht mal mehr die Chance geben, den neuen Menschen auch zu mögen, ist wirklich sehr schade. Womöglich auch ein Hilfe-Ruf. … ?

    1. Ich weiß es nicht. So, wie sie sich damals verhielt, hatte ich keine Chance, da ich auch nicht wusste, wo sie genau wohnte, weil sie keine Adresse angegeben hatte. Wir hatten auch schon vor dem Telefonat keinen Kontakt mehr. Unsere Wege trennten sich direkt nach dem Studium, aber das war weniger dramatisch, da wir einfach tatsächlich privat und beruflich unterschiedliche Wege gingen. Ich war nur sehr über diese krasse Art und Weise verwundert, natürlich sehr enttäuscht und auch einfach verärgert. Deshalb habe ich dann zuerst auch keinen Versuch mehr unternommen, sie nochmal anzurufen. Als ich es dann doch tat, war sie nicht mehr zu finden.
      Vielleicht hat sie auch nur einfach geheiratet und einen anderen Nachnamen. Gehen wir mal vom Positiven aus!

    1. Ich habe sie Ende der 80 ger Jahre noch im Telefonbuch gefunden und angerufen. Sie wimmelte mich ab mit der kurzen und knappen Begründung, dass sie sich verändert habe, nicht mehr die wäre, die ich gekannt hätte und deshalb keinen Kontakt mehr wollte. Wir hatten nie Streit vorher. Sie ließ niemanden mehr von den alten Freundinnen an sich heran. Kurze Zeit später war sie nicht mehr auffindbar, und das bis heute nicht! Das gibt mir schon manches Mal zu denken!

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